Grundpositionen des IPSG-Ansatzes
Psycho-soziale Gesundheit wie Gesundheit überhaupt wird heute als Ergebnis der komplexen Interaktion und Verkoppelung biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren gesehen. Dabei zeigt sich, dass soziale und psycho-soziale Faktoren in höchst bedeutsamem Ausmaß sowohl auf die psychische Befindlichkeit, als auch auf die körperliche Gesundheit einwirken. Die moderne Hirnforschung zeigt auf, dass die "Neuroplastizität", d. h. die Veränderung der Hirnstruktur aufgrund psycho-sozialer Erfahrungen eine bedeutende Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung und bei der Entwicklung von Störungen und Erkrankungen spielt. Soziale Faktoren sind damit nicht nur sekundär und tertiär im Sinne "pathoplastischer" Einflüsse wirksam (im Sinne einer Beeinflussung des Verlaufes von biologisch begründeten Erkrankungen), sondern auch im Sinne einer primären Soziogenese: sie bilden nachweislich auch die Ursache von Erkrankungen. Die Verkoppelung der biologischen, psychischen und sozialen Systemebenen mit ihren jeweiligen Emergenzen und Schnittstellen wird m. E. in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu völlig veränderten Gesundheits- und Krankheitsmodellen führen, wie es ja schon die Gesundheitsberichte der Weltgesundheitsorganisation (2000, 2001) einfordern. Die Entwicklung der Klinischen Sozialarbeit ist vor diesem Hintergrund nicht nur im Sinne der praktischen Methodik der Sozialen Arbeit hinsichtlich des psycho-sozialen Diagnostizierens und Behandelns voranzutreiben, sondern auch im Hinblick auf bedeutende theoretische Fragen, wie nach der Independenz und Interdependenz des Somatischen, Psychischen und Sozialen. Wenn sich - und dies ist wohl eher eine empirische als theoretische Frage - die Bedeutung der sozialen Systemebene für die psychischen und somatischen Aspekte der menschlichen Gesundheit als größer als bisher angenommen herausstellen sollte, dann könnte daraus auch eine Steigerung der Anerkennung der Sozialen Arbeit insgesamt folgen.
Generelles Ziel unserer Klinischen Sozialarbeit ist die Einbeziehung der sozialen und psycho-sozialen Aspekte in die Beratung, Behandlung und Unterstützung unserer Klienten mit dem Ziel der sozialen Integration. Sie wirkt einer Verengung der Gesundheitsarbeit auf ausschließlich somatische (Medizin) und psychische Aspekte (Psychotherapie) ebenso entgegen wie einer Verengung bzw. Reduzierung der Sozialarbeit bei klinischen Aufgabenstellungen auf organisatorische, rechtliche, disziplinarische und/oder rein erzieherische Maßnahmen. Das IPSG-Konzept zur Förderung der psycho-sozialen Gesundheit integriert deshalb Aspekte der Lebensweise (Erleben, Verhalten, Beziehungen) und der Lebenslage der Person, des sozialen Netzwerkes und der Familie/Angehörigen.
Leitend sind dabei:
Wir vertreten einen entwicklungsorientierten Ansatz sozialpädagogisch-therapeutischer Hilfe. Psycho-soziale Störungen entwickeln sich im Lebenslauf: Kinder wachsen heran, Erwachsene altern; Familien befinden sich genauso in einem kontinuierlichen Transformationsprozess wie Einzelne und die soziale Umgebung insgesamt. Psycho-soziale Störungen und Erkrankungen hängen mit Veränderungen, Krisen, Blockierungen und Defiziten in diesem lebenslangen Veränderungsprozess zusammen.
Die Klientinnen und Klienten unserer Klinischen Sozialarbeit, Sozio- und Psychotherapie, werden in ihrem familiären und außerfamiliären Beziehungsnetz und ihrer spezifischen Lebenslage gesehen. Ihr Erleben und Verhalten verstehen wir als Versuche, das eigene Erleben in der umgebenden Gesellschaft zu sichern und zu gestalten. Deshalb arbeiten wir mit unseren Klienten unter dem Gesichtspunkt der Bewältigung und Gestaltung ihres Lebens in ihrer Umwelt.
Wir betrachten die Probleme unserer Klienten - der Kinder und Jugendlichen, der Eltern, der Paare, der Familien, der Erwachsenen - nicht primär als Folge eines "persönlichen Defektes", sondern als Folge problematischer Strukturen und Funktionen des sozialen Lebenszusammenhanges, die zu psychischen Störungen der Erlebnisverarbeitung und Persönlichkeits-Defekten sowie sozialen Störungen führen oder entscheidend beitragen.
Zu unserem Ansatz gehört zentral die Dimension des sozialen Miteinander. Erleben und Verhalten ereignen sich immer in konkreten sozialen Kontexten. Krisen, Störungen und pathologische Erscheinungen treten in der Beziehung der Menschen zu anderen Menschen in konkreten Lebenswelten auf. Psychische Störung ist darum immer auch Beziehungsstörung.
Erziehung, Beratung, Sozial- und Psychotherapie vollziehen sich grundlegend in dialogischen Verhältnissen von Person zu Person. Unsere therapeutisch und sozialstrukturell ausgerichtete Klinische Sozialarbeit geschieht in einem personal getragenen, fördernden therapeutisch unterstützenden Dialog und nicht durch einzelne, isolierte "Maßnahmen". Unsere Konzeption Klinischer Sozialarbeit führt uns bei der Behandlung der Störungen über die therapeutische personale Bindung hinaus auch in die Komplexität des Alltagslebens hinein. Wir organisieren personbezogene Hilfen im regionalen Netzwerk psycho-sozialer, erzieherischer, schulischer und medizinischer Einrichtungen.
Somit legen wir größten Wert auf eine intensiv auf die Person gerichtete Behandlung. Es gibt einige Studien, die zeigen, wie Kinder extreme Unterprivilegierung, Missbrauch und Verluste dann ohne allzu große psychische Defekte überleben, wenn jemand dieses Kind ohne Vorbehalte annimmt und sich qualifiziert für seine Belange engagiert.
Die Aktivierung von sozialen, personalen (psychischen) und ggf. materiellen Ressourcen ist nicht selten entscheidend für die Frage, ob es gelingt, eine Krise oder auch eine schon chronische Störung und Erkrankung zu beheben und weitere Verschlimmerungen zu verhindern. Deshalb ist für uns die Ressourcenaktivierung gemeinsam mit unseren Klienten und MitarbeiterInnen kooperierender Einrichtungen ein wichtiges Element unserer Arbeit.
Integration psycho- und sozialtherapeutischer, beratender und sozialpädagogischer Ansätze in Klinischer Sozialarbeit
in allen Bereichen des IPSG arbeiten wir an der Formung einer schulenübergreifenden wissenschaftlich fundierten
Klinischen Sozialarbeit.